Von Dr. Friedhelm Jung, Professor für systematische Theologie am Southwestern Baptist Theological Seminary in Fort Worth (Texas)

In Deutschland besuchen jeden Sonntag rund 800.000 Menschen den Gottesdienst freikirchlicher Gemeinden. Während Freikirchen in unserem Land zu einer Minderheit gehören, sind es weltweit geschätzte 400 Millionen Menschen, die Mitglied einer freikirchlichen Gemeinde sind, oder sie regelmäßig besuchen. Doch vielen Menschen ist die Bezeichnung Freikirche kein Begriff. Dort, wo sich Freikirchen ansiedeln, haben sie häufig gegen Vorurteile und Unwissenheit zu kämpfen.

Ihren Ursprung haben Freikirchen im 16. Jahrhundert. Aus der Reformation durch Martin Luther, die mit dem Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 in Wittenberg ihren Anfang nahm, gingen drei Strömungen hervor, die als evangelisch bzw. protestantisch bezeichnet werden: die lutherischen, die reformierten und die freien Kirchen.

Ihre Grundüberzeugungen sind identisch: Sie haben dieselbe Bibel, glauben an denselben Gott und verehren Jesus Christus als Sohn Gottes und Retter der Welt.

Die reformierten und lutherischen Kirchen – wie auch die katholische Kirche – werden als Landeskirchen bezeichnet, was ihre Verbundenheit mit dem Staat zum Ausdruck bringt. Die Grundüberzeugung von Freikirchen ist es, dass Kirche und Staat klar voneinander getrennt sein sollen.

Freikirchen zeichnen sich im Kern durch folgende Merkmale aus:


1. Freiwillige Finanzierung
Freikirchen finanzieren sich aus Spenden ihrer Mitglieder und erheben keine Kirchensteuer. Jedem Mitglied ist es freigestellt, einen freiwilligen Betrag zu spenden, mit dem zum Beispiel die Kosten für Gemeindehäuser und Pastoren der freikirchlichen Gemeinden gedeckt werden.

2. Freiwillige Mitgliedschaft
In Freikirchen gibt es in der Regel keine Säuglingstaufe. Vielmehr entscheiden sich hier glaubensmündige Personen für ein Leben mit Gott, lassen sich taufen und werden auf eigenen Wunsch Mitglieder einer Gemeinde.

3. Freiwillige Mitarbeit
Freikirchen legen Wert auf engagierte Mitglieder. Ihre Vielzahl an Arbeitsbereichen, wie zum Beispiel ihre Kinder - und Jugendarbeit, verdanken sie der freiwilligen Mitarbeit ihrer Gemeindemitglieder. Eine passive Mitgliedschaft widerspricht dem Selbstverständnis der Freikirchen.

Freikirche - eine Sekte?
Freikirchen haben häufig mit dem Vorurteil zu kämpfen, Sekte zu sein. Sie haben aber nichts mit Sekten oder Sondergemeinschaften zu tun, wie Zeugen Jehovas oder Mormonen es zum Beispiel sind. Vielmehr zählen sie zu den anerkannten und am schnellsten wachsenden Kirchen weltweit. Zu den bekanntesten Freikirchen gehören die Baptisten, Methodisten, freien evangelischen Gemeinden und die als Friedenskirche bezeichneten Mennoniten, die den Pazifismus vertreten.